Bakkalauriatsabschlusskurs in Russisch als Basis für die interkulturelle Kommunikation.
Letzte Woche war man mit den Kursen am Institut für Slawistik unserer Universität fertig. Die Zeit der Prüfungen, Referate und Abschlüsse aller Art begann. Diese Zeit ist immer eine ziemlich schwierige für alle Beteiligten – alle laufen herum, es herrscht Eile und Unruhe, viele versuchen das zu schaffen, was man gar nicht schaffen kann. Nichtsdestotrotz – trotz all dem Stress und katastrophaler Situation mit so genannten „freien Minuten“ gelang es der Gruppe des „Bakk.Abschluss“-Kurses einen Freitagnachmittag zu finden um sich bei mir zu Hause zu versammeln und einen „Borschtsch mit Referaten“-Tag zu veranstalten.
Ich möchte dieses interessante Phänomen für die nicht Eingeweihten ein wenig erläutern. Vor vielen Jahren versuchte ich meine österreichischen Studierenden unkompliziert und wenig offiziell an die russische Kultur heran und in die russische Sprache hinein zu führen. Ich wollte ihnen zeigen, dass die Kommunikation in russischer Sprache kein Mythos, sondern alltägliche Realität ist – sogar bei uns in Kärnten. Ich entschied mich für ein Experiment und lud die Studierenden des Abschlusskurses zu mir nach Hause auf ein Borschtsch ein. Nach wenigen Überlegungen, lud ich auch meine russischsprachigen Bekannten ein um eine freie Kommunikation einzuleiten.
Der Borschtsch war fertig, die Piroggen schmorrten im Backofen, die Leute lernten sich kennen und besprachen Themen, die ich für diesen Zweck vorbereitete. Nach ein-zwei Stunden war Borschtsch bereits verspeist, Die Piroggen dufteten auf dem Tisch und die Leute waren in ein Gespräch vertieft – und es wurden Themen diskutiert, die während der Kommunikation frei entstanden waren. Es wurde Abend. Wir bemerkten nicht mal, dass der Tag zu Ende ging und wir uns verabschieden mussten. Am Ende hörte ich viele positive Rückmeldungen über diese Kommunikationserfahrungen – alle waren begeistert! Die Studierenden merkten wieder einmal, dass sie Gespräche zu komplizierten Themen in russischer Sprache mit „richtigen Russen“ bewältigen konnten, und meine Freunde waren sehr positiv überrascht, dass unsere Studierenden so gut Russisch beherrschten und so viel Interesse für Geschichte und Kultur Russlands aufbrachten.
Seit dieser Zeit wurde es Tradition. Jedes Jahr am Ende des Sommersemesters die Teilnehmer des Abschlusskurses kommen zu mir auf Besuch. Viel Zeit ist seit diesem ersten Mal vergangen. Viele russischsprachige Freunde und Bekannte (die Meisten von ihnen sind nun Mitglieder von unserem neugegründeten Verein „Zukunft in Österreich“), viele Studierende haben mich in dieser Zeit besucht. Meine Eltern haben einige Male an dieser Veranstaltung Teil genommen, statt Borschtsch haben wir auch mal Pel‘meni gemacht – einmal waren sie sogar in vegetarischer Variante ausgeführt (es war so eine Mischung zwischen dem russischen Pel’men‘ und der ukrainischen Haluschka) , unsere Kinder sind groß geworden und machen mittlerweile bei diesen „Borschtsch-Runden“ mit. Auch das Format der Veranstaltung hat sich ein wenig geändert. Jetzt ist es zu einem Teil des Abschlusskurses geworden – unsere Studierenden müssen ein Referat zu einem beliebigen Thema auf Russisch – SELBSTSTÄNDIG – vorbereiten und den Zuhörern präsentieren. Zuhörer sind sowohl Studienkollegen, als auch Mitglieder unseren Vereins und Schüler der russischen Sonntagsschule „Rusinka“.Was für eine Vielfalt an Themen haben wir in dieser Zeit durchdiskutiert! Vor ein paar Jahren, haben wir ein Referat über … Borschtsch gehört. Wir haben viel über die Geschichte und Rezepte von diesem Gericht erfahren. Viele Studierende sprechen über ihre Reisen nach Russland oder in die Ukraine, über Sommerschulen, die sie besucht haben, über ihre neuen russischsprachigen Freunde. Manche sprechen über ihre Hobbys, die anderen – über den Lieblingsfilm.
Dieses Jahr waren die Themen wie immer vielfältig und spannend. Daniela Hallegger hat über ihre Reise nach Charkiv mit ihrer ganzen Familie erzählt. Diana Stanic – über die Stadt Irkutsk, über die sie in einem russischen Buch gelesen hat, das sie für unseren Abschlusskurs lesen musste. Bianca Gaulhofer hat die Sommerschule beschrieben und über die schöne Zeit in der wunderbaren Region Karelien erzählt. Diese drei Referate haben wir uns noch auf der Universität im Zuge der Lehrveranstaltung angehört. „Beim Borschtsch“ hat uns dann Manuela Steiner über die Kärntner Region Metnitzltal interessante Dinge mitgeteilt, Tatjana Igerz – über den slowenischen König Matjasch und das Festival, das man diesem König zu Ehren veranstaltet. Mit Jasmin Wachter sind wir entlang der Transsibirischen Eisenbahn von Novosibirsk nach Moskau gefahren. Anzhelika Scherling hat eine virtuelle Führung durch die Säle des russischen Museums in Sankt Petersburg gemacht. Begeistert waren alle – sowohl die Kolleginnen, als auch die Mütter unserer Sonntagsschüler und auch die Schüler selbst.
Und dann sind wir beim Tisch gesessen, haben Borschtsch gegessen, Tee getrunken und geredet, geredet, geredet… Nach Hause sind meine Gäste gefahren, als es schon dunkel geworden ist.
An den zufriedenen Gesichtern der ganzen Runde hat man sehen können, dass unser Experiment wieder mal gelungen ist. Alle Teilnehmer haben sich für die Weiterführung dieser Tradition ausgesprochen, denn gerade in solchen Situationen lernen sich Leute besser kennen, tauschen ihre Erfahrungen offener aus, erkennen schneller die Bereiche, die sie interessieren, fangen an einander besser zu verstehen. Und noch einer der positiven Effekte: unsere Kinder waren sehr überrascht, dass die Studierenden so gute Russisch Kenntnisse haben. Sie haben die Referate interessant gefunden und … haben ein paar Vortragende sogar kritisiert: „…ja…. Ihre Aussprache sollten sie schon noch ein wenig verbessern…“
Na gut! Wir haben keine Angst vor den Schwierigkeiten und bleiben am Ball mit dem Verbessern unserer Sprachkenntnisse und dem Perfektionieren der russischen Aussprache. Und die Kinder aus unserer Schule „Rusinka“ werden uns dabei helfen – mit ihrem Interesse und der positiven Kritik. Jetzt müssen sie mit dem guten Beispiel voran gehen!
Joulia Köstenbaumer, Mag. Phil.
Senior Lecturer am Institut für Slawistik
Alpen-Adria Universität,
Klagenfurt
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